Spanien: Selbstverwaltete Gegendemokratie im Netz

ZDF – Hyperland (German), 21/12/2011

The awesome Frederik Fischer at Hyperland was good enough to find and translate my article (written with Javier Ramos) on the Spanish indignados movement into German.

Alternative soziale Netzwerke, Petitionsplattformen, Crowdsourcing: Die außerparlamentarische Opposition in Spanien verabschiedet sich zunehmend aus der klassischen Politikarbeit – und setzt auf das Internet.

Nach dem Wahlsieg von Spaniens neuem Ministerpräsidenten gab es erst einmal Geschenke: Steuererleichterungen für Reiche, Anhebung der Renten und die Streichung öffentlicher Beschäftigungsprogramme – sozialer Brandbeschleuniger für eine Gesellschaft, die entlang von Generationen- und Einkommensgrenzen zu zerbrechen droht. Trotzdem fallen die Reaktionen der Protestbewegung Indignados (Empörte) auf die Wahl des rechtskonservativen Mariano Rajoy verhalten aus. Viele von ihnen setzen keine Hoffnung mehr in parlamentarische Demokratie und gestalten stattdessen im Netz ein alternatives System gemeinschaftlicher Verwaltung.

“Natürlich wird es einige Demonstrationen gegen die geplanten Kürzungen geben, aber unsere eigentliche Arbeit findet abseits der Straßen und des politischen Betriebs statt”, sagt etwa der spanische Dokumentarfilmer Stephane Grueso. Und tatsächlich: Große und publikumswirksame Demonstrationen sind seltener geworden in Spanien. Letzter großer Aufruhr waren die Demonstrationen tausender Spanier Anfang Dezember nach der Räumung des Hotels Madrid, einem von Indignados besetzten Gebäude und ihrem zentralen Versammlungsort.

420.000 Facebook-Fans

Organisiert wurde die Demonstration von der Initiative Stop Desahucios (Stoppt Zwangsräumungen), die nur ein Beispiel von vielen für ein alternatives, informelles System ist, das sich aus der Protestbewegung “15. Mai” gebildet hat. Kern der Bewegung ist immer noch die Democracia Real Ya (Real Democracy Now), deren Slogans wenig später auch in Athen erklangen.

Über 420.000 Fans auf Facebook und 100.000 Follower auf Twitter versammelt die Bewegung mittlerweile im Netz, von wo aus die Bewegung auch die Meinungshoheit der Mainstream-Medien bekämpfen will. “Wir suchen nach alternativen Nachrichten und verbreiten diese an unsere Fans und Follower”, sagt Jon Aguirre, Mitglied der Bewegung. “Die klassischen Medien versuchen nur die Bevölkerung zu belügen.”

Indignados basteln sich ihr eigenes Facebook

Mittelfristig wollen sie aber auch die Abhängigkeit von Facebook und Co. loswerden. Mit N-1 haben einige Programmierer daher ein eigenes soziales Netzwerk für die Bewegung geschaffen. Flankiert wird das Alternativnetzwerk von einer ganzen Reihe unabhängiger Online-Initiativen – Testumgebungen für die Erprobung gemeinschaftlicher Verwaltung und Organisation. Hier eine Auswahl von Internetseiten, die aus der Protestbewegung entstanden sind:

  • Propongo (“Ich schlage vor”): Nutzer können hier Vorschläge hochladen und darüber abstimmen lassen.
  • Toma los Barrios: Hauptseite der Madrid-Gruppe, Anleitungen über die Organisation von Meetings, Protokolle der Treffen.
  • Oiga.me (“Hör mir zu”): Massenmailing-Tool zum Versand von Petitionen an Politiker.
  • Direct Radio: Ein selbstverwalteter Online-Radiosender.
  • Goteo.org: Crowdfunding-Plattform für Open-Source– und Allmende-Projekte.

Online-Utopie versus Trostlos-Realität

Abseits der kreativen Online-Parallelwelt bleiben die wirtschaftlichen Probleme jedoch bestehen: Die Arbeitslosenquote beträgt über 21 Prozent (46 Prozent bei den 15- bis 25-Jährigen), mehr als die Hälfte der Berufstätigen hat nur befristete Arbeitsverhältnisse und das Rentenalter wurde kürzlich von 65 auf 67 angehoben.

Miguel Arana, der bei Spaniens Empörten für die Vernetzung mit internationalen Protestbewegungen zuständig ist, sieht daher wachsenden Bedarf für neue Ansätze: “Es geht nicht mehr um eine Minderheit mit einer guten Idee – das ist traditionelle Politik. Wir erfinden Politik neu. Das hier ist Politik 2.0.”

Autoren: Javier Ramos und Aidan Mac Guill

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